Krise und Kulturwandel

Klartext, bitte!

30. September 2017
Protokolle: Anette Frisch
Fotos: Ériver Hijano

Der Volkswagen Konzern, so die derzeit gängige These, sei ein typisches Unternehmen der deutschen Automobilbranche: hierarchisch, autoritär, männlich. Aber trifft das noch zu? Welche Veränderungen bewirken der technologische Wandel, der Generationenwechsel, der nach der Dieselkrise ausgerufene Kulturwandel? Wir fragen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Thaddäus Kustra

Mehr Zuhören und weniger Monologe

Thaddäus Kustra, 64, Leiter der Automatisierungs- und Prüftechnik, seit 1985 bei Volkswagen

Als ich vor 32 Jahren bei VW angefangen habe, gab es eine Kultur. Und die hat sich weiterentwickelt. Sie ist weder besser noch schlechter geworden. Denn sie kann nur so gut oder schlecht sein wie die Menschen, die sie prägen. Für mich sind soziale Kompetenz und Kultur untrennbar. Was nützt es, wenn jemand von Respekt spricht, im Gespräch aber persönlich wird?

Eine gute Unternehmenskultur hat mit Zuhören zu tun. Das erwarte ich von den Führungskräften: zuhören und keine Monologe halten. Es werden noch zu viele Entscheidungen getroffen, die in den oberen Führungsebenen hängen bleiben und die Kolleginnen und Kollegen in der Fertigung nicht erreichen. Es genügt nicht, dass sie sich im Internet informieren können – sie brauchen Erklärungen, die Entscheidungen für sie nachvollziehbar machen. Insgesamt finde ich, sollte die Kommunikation transparenter und offener sein. Und auf Schlagworte verzichten. Davon haben wir mittlerweile mehr als genug.

Anke Tesch

Mit Frauen herrscht ein anderer Spirit

Anke Tesch, 46, Abteilungsleiterin Technische Entwicklung, seit 29 Jahren bei Volkswagen

Beim Thema Frauen muss Volkswagen noch sehr viel machen. In der technischen Entwicklung arbeiten in Wolfsburg 10.000 Mitarbeiter, davon nur 1.500 Frauen. Im oberen Managementkreis sind wir 7 Frauen neben 156 Männern. Und in der Gesamtfahrzeugentwicklung bin ich noch die einzige weibliche Führungskraft.

Sobald eine Frau an Besprechungen teilnimmt, herrscht ein anderer Spirit. Das Spannungspotenzial innerhalb der Gruppe sinkt, der Umgangston wird freundlicher und die Diskussionen verlaufen ruhiger. Volkswagen lebt immer mehr den Diversity-Gedanken, konservative Vorbehalte werden abgebaut.  Die Väter in meinem Team nehmen Erziehungsurlaub, bleiben Zu Hause, wenn das Kind krank ist, oder gehen früher, weil die Tochter Geburtstag hat. Familie ist längst kein Frauenthema mehr.

Führungskräfte prägen die Unternehmenskultur wesentlich mit. Sie sind Vorbilder. Es gibt aber immer noch Manager, denen Macht unglaublich wichtig ist. Deshalb wünsche ich mir, dass die Kompetenzen der Führungskräfte, vor allem die sozialen, regelmäßig beurteilt und durchleuchtet werden. Dass das Personalmanagement genauer schaut, wie der- oder diejenige mit Kollegen umgeht, Entscheidungen trifft und handelt, auf Augenhöhe Feedback gibt. Wenn man so will, wäre das eine Art Supervision für Manager.

Astrid Bremer

Ich wünsche mir Klarheit

Astrid Bremer, 47, Montagewerkerin in der Komponente, seit 2011 bei Volkswagen

Integrität bedeutet für mich, nach meiner inneren Überzeugung zu handeln und Dinge, die dem widerstreben, offen anzusprechen. Weil ich das sehr wichtig finde, bin ich seit 2016 Integritätsbotschafterin. Mein Wunsch ist es, meine Kolleginnen und Kollegen für das Thema zu sensibilisieren. Das ist gar nicht so einfach. Manche interessiert es nicht oder sie verstehen es nicht. Sie sagen: „Erklär es mir mit einfachen Worten.“

Ich finde, das Thema müsste im Konzern noch mehr publik gemacht werden. Auf jeden Fall müssten auch die Kolleginnen und Kollegen an der Linie abgeholt werden. Klar, es gibt immer wieder Informationen und Diskussionen zu Integrität online auf Group Connect. Aber die meisten Kollegen, die beispielsweise in der Montage arbeiten, haben keinen Online-Zugang. Die können Group Connect gar nicht nutzen. Vielleicht könnte man mehr Printmedien nutzen, um die Kollegen zu erreichen. Seit Dieselgate merke ich, dass das Arbeitsumfeld angespannter ist. Manche Kollegen hängen in einer Warteschleife, weil sie nicht wissen, was kommt und was wird. Sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Die Diskussionen um die Zukunft des Diesels oder Elektromobilität zeigen ja, dass sich einiges bei uns verändern wird. Für das, was kommen wird, wünsche ich mir von Volkswagen Menschlichkeit. Und keine Verschwiegenheit, sondern Klarheit.

Dr. Stefan Wolf

Wir sollten anders kommunizieren

Dr. Stefan Wolf, 54, Produktstrategie VW Nutzfahrzeuge, seit 2002 bei Volkswagen

Eine Unternehmenskultur kann man nicht innerhalb von zwei, drei Jahren drehen. Es ist ein Irrtum, wenn das Management glaubt, dass es Instrumente gibt, mit denen man auf Unternehmenskultur direkt Einfluss nehmen kann. Sie  lebt davon, wie offen wir mit bestimmten Dingen umgehen und Fehler diskutieren. Wir brauchen den Mut zur Selbstkritik und mehr Freiräume, uns suchend auf neue Wege begeben zu können.

Es gibt zwei Stellen, an denen sich unsere Unternehmenskultur öffnen und verbessern kann. Zum einen: Wir sollten einen echten Stakeholder-Dialog pflegen. Und uns nicht das Recht herausnehmen auszusuchen, mit wem wir reden und mit wem nicht. Zum anderen: Wir sollten fehlerfreundlicher werden und Neuem mehr Zeit und Raum geben. Das machen wir im Innovationsprozess noch zu halbherzig, nach dem Motto: Wir sind viel zu schnell beim Produkt und viel zu spät beim Nutzer.

Ich bin enttäuscht darüber, wie wir  mit Krisen umgehen. Es muss klar sein, dass ein Unternehmen über das, was eine Öffentlichkeit interessiert, offen kommuniziert. Und nicht die Scheinwerfer dorthin richtet, wo es gerade gut läuft. Diese Art von Nachhaltigkeitskommunikation kann man sich sparen. Auf Dauer sind wir nur so gut, wie wir auch ehrlich sind.

Nils John

Ich wünsche mir Vertrauen

Nils John, 29, seit September im Vertrieb Digital & New Business, seit Januar 2016 bei Volkswagen

Innerhalb meines Traineeships konnte ich in verschiedenen Bereichen an Themen der digitalen Welt arbeiten. Mir ist aufgefallen, dass dort eine große Experimentierfreude herrscht. Da gibt es diesen Drive in Richtung, „Komm, wir probieren das aus!“. Das hat mir gut gefallen. Als Trainee war ich alle drei Monate in einer anderen Abteilung beschäftigt. Ich habe dadurch viele Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland kennengelernt und konnte mir ein großes Netzwerk aufbauen. Ich finde, der persönliche Kontakt ist der Schlüssel für gute Zusammenarbeit. Bei einem Unternehmen, das in der Krise steckt und bei dem sich Vieles verändert, eröffnen sich viele Chancen. Als Berufseinsteiger wünsche ich mir von Volkswagen, dass mir Vertrauen entgegengebracht wird. Dass ich die Chance bekomme, als junger Mann wirklich etwas bewegen zu können. Und zwar jetzt und nicht erst in zehn Jahren, wenn ich lang genug im Unternehmen gewesen bin.

Bita Daryan

Wir entwickeln neue Beziehungsmuster

Bita Daryan, 31, Zukunftsforscherin, seit 2012 bei Volkswagen

Was ich am Konzern schätze und warum ich aus Berlin nach Wolfsburg gezogen bin: Die Kolleginnen und Kollegen hier sind sehr vielfältig . Sie bringen trotz der Unternehmensgröße eine Bescheidenheit mit, die authentisch ist und positiv auf die Arbeit wirkt.

Ich finde allerdings, dass das Geschlechter-Thema dem kulturellen Wandel im Weg steht. Die Mentalität der Belegschaft wird noch sehr vom klassischen Rollenbild geprägt. Die neuen Initiativen zur Frauenförderung können nur wirken, wenn auch die Personalverantwortlichen postgender denken. Also Geschlechterunterschiede bedeutungslos werden. Solange sie aber Mitarbeiter einstellen, die den klassischen Mustern entsprechen, gibt es viel zu tun.

Ein anderer Punkt ist die Unsicherheit in der Belegschaft, die durch die letzten zwei Jahre entstanden ist. Weil sich die externe Berichterstattung und das Image von der internen Realität unterscheidet. Da heißt es: „Der Volkswagen Konzern hat das oder jenes getan…“. Volkswagen ist aber ein riesiger, internationaler Konzern. Hier arbeiten ‚echte’ Menschen. Und die nehmen die jüngsten Entwicklungen sehr ernst, weil sie ihren Job sehr ernst nehmen.

Dieselgate hat für mich so etwas wie eine Beziehungskrise zwischen Mitarbeitern und Konzern ausgelöst. Da geht es nicht darum, einen Rosenkrieg zu führen. Sondern sich auf gewisse Weise neu kennenzulernen. Indem man sich anders zuhört und anders miteinander spricht, also neue und zukunftsfähige Beziehungsmuster entwickelt. Mit dem gemeinsamen Ziel, bei dem es um die Welt und wirksame Lösungen geht. Und das ist vielleicht der Unterschied zu früher: Dass die Unternehmenskultur eine Haltung stärken soll, die sich der Gesellschaft und der Zukunft gegenüber ebenso verantwortlich fühlt wie den Zukünften der Mitarbeiter.

Iain Fraser

Ein Kulturwandel ist keine einmalige Sache

Iain Fraser, 34, Doktorand in der Konzernbeschaffung zu Nachhaltigkeit in den Lieferantenbeziehungen seit Februar 2017 bei Volkswagen

Ich bin Neuseeländer und man sagt, dass Neuseeland ein sehr antihierarchisches Land sei. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, empfinde ich Volkswagen insgesamt als einen sehr traditionellen, hierarchischen Konzern. Für meine Abteilung gilt das allerdings nicht. Hier geht es sehr partnerschaftlich zu und ich übernehme selbst Verantwortung.

Ein Kulturwandel kann keine einmalige Antwort auf eine Krise sein. Kulturwandel ist ein ständiger Prozess. Ich finde, alle großen Unternehmen befinden sich immer in der Situation zu erkennen, wie sich die Gesellschaft weiterentwickelt und welche neuen Anforderungen sich daraus ergeben. Ich sehe auch: Je größer eine Firma ist, je hierarchischer und starrer sie ist, desto schwerer tut sie sich mit Veränderungen.

Ich persönlich kann nur Themen vertreten, von denen ich überzeugt bin. An die ich glaube und bei denen ich das Gefühl habe, dass ich etwas bewirke. Integrität ist für mich deshalb im Arbeitsalltag extrem wichtig. Und Humor. Um das Zwischenmenschliche aufzulockern und die Dinge relativ zu betrachten.

Christoph Köhler

Einfach mal machen!

Christoph Köhler, 27, Trainee New Business Models & Connectivity, seit November 2016 bei Volkswagen Truck & Bus

Die Kulturen bei Volkswagen sind schon sehr verschieden. Bei Scania in Schweden oder bei MOIA in Berlin herrschen eine sehr offene, transparente Kultur und flache Hierarchien. Im Konzern gibt es häufig noch alte Denkmuster. Aber aktuell ist viel in Bewegung, um den Kulturwandel zu beschleunigen, was gut ist. Ich glaube auch, dass so ein Wandel Zeit braucht und abhängig davon ist, wer ihn vorantreibt.

Es gibt im Konzern Prozesse, die nicht mehr zeitgemäß sind und gegen Eigenverantwortung steuern. Ich kann verstehen, dass sich das nicht von heute auf morgen ändern lässt. Je mehr Verantwortung Mitarbeitern aber bei kleineren Dingen eingeräumt wird, desto unternehmerischer denken sie.

Natürlich war der Dieselskandal eine unschöne Situation, aber er hat die Umbruchphase beschleunigt. Es sind trotzdem viele neue Kollegen aus der Industrie, vom Wettbewerb oder von Start-Ups in den Konzern gekommen, die einen unglaublichen Mehrwert stiften. Beim Thema Mobilität ist Volkswagen eben immer noch eines der spannendsten Unternehmen der Welt. Ich gehöre zu einer Generation, für die es wichtig ist, an Projekten mitzuarbeiten, die wahrhaftig nachhaltige Lösungen bieten.

Offenheit, Transparenz und Wertschätzung sind extrem wichtig, um Mitarbeiter zu motivieren. Das Gleiche gilt für Vertrauen. Ich finde, Volkswagen sollte Mitarbeiter stärker fördern, die den Mut für neuartige, riskoreiche Themen haben. Denn ich glaube, dass wir dabei Themen entdecken, die wichtig für die Zukunftsfähigkeit des Konzerns sind. Und die es nur dann auf die Straße schaffen, wenn jemand das Prinzip „Einfach mal machen!“ verinnerlich hat.

Audiobänke
Hören Sie mit!
Besucherinnen und Besucher können auf Bänken Platz nehmen und Gesprächen über fünf kontroverse Themen zuhören, die auch den Volkswagen Konzern beschäftigen.
Zukunft der Arbeit
Wind of Change
Der Volkswagen Konzern befindet sich mitten in einem kulturellen Wandel. Mehr Frauen sollen zukünftig in den Führungsgremien...