Dekarbonisierung

„Auf den richtigen Preis kommt es an“

30. September 2017
Text: Valdis Wish
Illustrationen: Uli Knörzer

Connie Hedegaard ist ehemalige EU-Kommissarin für Klimaschutz, Prof. Dr. Ottmar Edenhofer ist Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Die beiden Mitglieder des Konzern Nachhaltigkeitsbeirats sprechen über die Dekarbonisierung des Transportsektors und die Rolle von Volkswagen.

Shift: Ein wichtiger Aspekt des Pariser Klimaabkommens ist die Dekarbonisierung des Transportsektors bis 2050. Ist das überhaupt möglich? 

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer: Möglich schon, aber das Ganze wird kompliziert und zeitaufwendig. Beispielsweise könnte die E-Mobilität in Deutschland wegen des aktuellen Energiemix mit hohem Kohleanteil die Emissionen sogar noch erhöhen. Dasselbe gilt für China. E-Mobilität ist nur dann sinnvoll, wenn sie durch die vollständige Dekarbonisierung des Energiesektors ergänzt wird.

Wie lässt sich das am schnellsten erreichen?

Connie Hedegaard: Ich würde sagen, die zwei wichtigsten Aspekte sind die richtige Preisgestaltung und keine Scheu vor neuen Regulierungen zu haben – wobei diese natürlich ausgewogen sein und das technisch Machbare berücksichtigen müssen. Als dritter Punkt ist das Mobilitätsverhalten zu nennen. Hier können uns die neuen Geschäftsmodelle, die neuen Zugangsmöglichkeiten für individuelle Mobilität unterstützen. Wenn wir damit klug umgehen, kommen wir schneller ans Ziel.

Edenhofer: Wir müssen auch über die Reform des gesamten Steuersystems nachdenken. Wie wir Mineralöl subventionieren und den Preis für Kohlenstoffdioxidemissionen in Europa drücken, ist ausgesprochen dysfunktional.

Intelligente Regulierung bringt uns Menschen sehr viel Positives.

Können Sie das näher erläutern?

Edenhofer: Der dramatische Rückgang des Ölpreises war ein maßgeblicher Faktor für die hohen Emissionen durch Verbrennung im Transportsektor. Solange der Ölpreis viel zu niedrig ist, gestaltet sich die Entwicklung der E-Mobilität schwierig. Nicht zuletzt müssen wir Innovationen vorantreiben. Intelligent ist die Regulierung, die am besten geeignet ist, sektorübergreifend Innovationen anzustoßen. Der Preis, der für CO₂-Emissionen zu zahlen ist, kann den technischen Fortschritt in die richtige Richtung lenken. Das ist wichtig, denn Innovation ist der Hauptantrieb für niedrige Kosten.

Hedegaard: Volkswagen plant, bis 2019 oder 2020 Elektroautos in vier Fahrzeugklassen vorzustellen – jeweils zum gleichen Preis wie ein vergleichbarer Wagen mit Verbrennungsmotor. Ich glaube, das könnte die Wende bringen.

Was sollte die Automobilbranche noch tun, um den Übergang zu fördern?

Hedegaard: Warum als Hersteller nur abwarten, was für eine Regulierung kommt!? Wir kommen zu besseren Vorschriften in Europa, wenn sich die Unternehmen proaktiv mit innovativen Ideen dazu einbringen, wie wir die enorme Aufgabe der Dekarbonisierung gemeinsam lösen können. Würde die Industrie offen über die Abschaffung der Subventionen für fossile Brennstoffe, die konsequente Einpreisung externer Kosten und eine wirkliche Reform des Emissionshandelssystems der EU sprechen, dann könnten wir mit Sicherheit das derzeitige Marktversagen korrigieren.

Zwischen Brüssel und Potsdam: Connie Hedegaard und Prof. Dr. Ottmar Edenhofer sprachen telefonisch mit den Redakteuren von Shift in Frankfurt und sparten so – hätten wir sie einfliegen lassen – über 300 Kilogramm CO₂ ein.

Bisher … 

Hedegaard: … haben sich Automobilverbände eher am kleinsten gemeinsamen Nenner orientiert – daher gibt es ein Vertrauensproblem unter den Regulierungsbehörden. Ich wünsche mir, dass Volkswagen den Europäischen Automobilherstellerverband ACEA nachdrücklich zu mehr Eigeninitiative auffordert. Und die Politik sollte aufhören, Regulierungen als übertriebene Bürokratie zu brandmarken. Es hat mit Bürokratismus nichts zu tun, wenn gute und langfristige Standards etabliert werden, die alle Sektoren wissen lassen, was sie bis wann erreicht haben müssen. Ich bin überzeugt, dass wir Innovationen auf diese Weise wirklich vorantreiben können.

Edenhofer: Dem kann ich nur zustimmen. Viele empfinden Regulierungen oder die Forderung nach einem neuen Transportsystem als Belastung für die Gesellschaft. Dabei ist es genau umgekehrt: Wenn wir die lokale Luftverschmutzung und das hohe Verkehrsaufkommen verringern und ein effektiveres Transportsystem mit Elektrofahrzeugen entwickeln, wird sich das eindeutig positiv für uns Menschen auswirken. Und wenn wir in diesem Bereich eine echte Vorreiterrolle übernehmen wollen, sollten wir nicht so defensiv sein, wie wir es hier in Deutschland sind – sondern die Chance nutzen, das Transportsystem der nächsten Generation auf den Weg zu bringen. Und ich hoffe, dass Unternehmen wie Volkswagen energisch vorangehen und ein überzeugendes Narrativ entwickeln: dass intelligente Regulierung uns Menschen nicht schadet, sondern viel Positives bringt.

Aber sinkt durch höhere Preise nicht immer die öffentliche Akzeptanz?

Edenhofer: Je innovativer der Wirtschaftssektor ist, desto weniger Preiserhöhungen sind notwendig. Und je besser die Menschen verstehen, was mit ihrem Geld geschieht, desto größer ist die gesellschaftliche Akzeptanz – auch in einkommensschwachen Haushalten. In British Columbia zum Beispiel konnte die Regierung Verständnis und Akzeptanz für eine CO2-Steuer fördern, indem sie die Einnahmen daraus an die Bevölkerung weitergab.

Sie sind sich über das weitere Vorgehen im Großen und Ganzen einig.

Hedegaard: Ja. Jetzt liegt es an Volkswagen, das auch umzusetzen.

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